Nein, ich komme nicht schon wieder mit “Kitschbildern”. Bei der Überlegung, was ein Regenbogen eigentlich ist, fiel mir auf, dass das Phänomen “Regenbogen” vieles illustriert, was wir Menschen schlecht verstehen können.
Was ist ein Regenbogen?
Wikipedia sagt dazu Der Regenbogen ist ein atmosphärisch-optisches Phänomen […]
Es braucht dazu:
- Die Sonne (oder eine andere Lichtquelle die Licht mehr als einer Wellenlänge abstrahlt)
- Eine Vielzahl Wassertropfen (andere klare Flüssigkeiten würden vermutlich auch funktionieren)
- EineN BetrachterIn (oder ein Abbildungsgerät)
Der letzte Punkt ist wichtig:
Im Auge der Betrachterin
Zwei BeobachterInnen an verschiedenen Positionen können zwar zur gleichen Zeit einen Regenbogen an der gleichen Regenwand – und mit der gleichen Sonne 😉 – beobachten, die Position und/oder Größe der Regenbögen, die beide sehen, wird aber – relativ zum Hintergrund – verschieden sein. (Im Vergleich dazu ist ein projiziertes Bild auf einer Leinwand für verschiedene Betrachter immer dasselbe, nur soweit von der Position der BetrachterIn abhängig, wie es bei einem gemalten oder gedruckten Bild auch der Fall wäre. … und es komme jetzt niemand mit präparierten Leinwänden und Linsenrasterbildern an.)
Das, was wir allgemein als Regenbogen bezeichnen, kommt erst im Zusammenspiel dieser drei Komponenten zustande. Der Regenbogen ist kein Ding, das eine von der BeobachterIn unabhängige Position und Ausdehnung hat. Ich möchte niemanden davon abhalten, nach dem legendären Topf voll Gold am Ende des Regenbogens zu suchen – ich gebe aber auch keine Tipps, an welchem Ende der Topf tatsächlich vergraben ist.
Die Masse macht’s
Einzelne Tropfen, auch eine ganze Reihe von Tropfen, erzeugen noch keinen Regenbogen. Erst wenn – buchstäblich – eine unüberschaubare Menge an Tropfen über die “Projektionsfläche” verteilt ist, wo wir dann den Regenbogen sehen, entsteht für unser Auge auch tatsächlich ein Regenbogen.
(Genau genommen, müsste sich in einem einzelnen Tropfen auch ein Regenbogen sehen lassen. Wenn die relative Position von Auge, Tropfen und Lichtquelle stimmt. Das heißt der Tropfen müsste ggf. ziemlich groß sein, Auge und/oder Lichtquelle ziemlich klein, um sich nicht ins Gehege zu kommen.)
Nicht zu fassen
Nehmen wir mal an, jemand stünde am Ende des Regenbogens. Besser: Er oder sie schwebte in einem Ballon in der Ebene, in der wir den Regenbogen wahrnehmen. Sie oder er könnte dem Regenbogen, den wir sehen, nichts antun, außer
- den Regen auf einem kleinen Segment abschirmen, so dass an dieser Stelle das Sonnenlicht nicht reflektiert wird, und dadurch für uns eine Lücke im Regenbogen entsteht,
- oder in den Strahlengang zwischen den Regentropfen und unseren Augen zu schweben. Was dann aber bedeuten würden, dass sie oder er an dieser Stelle den Regenbogen scheinbar verdeckt – für uns nicht zu unterscheiden.
Der Regenbogen ist also ein Phänomen, das über eine Fläche (etwas vereinfacht) verteilt ist, so dass es sich mit lokalen Eingriffen auch nur lokal beeinträchtigen lässt.
(Wenn wir künstliche Lichtquellen zulassen, wäre das natürlich der Ansatzpunkt, den kompletten Regenbogen “auszuschalten”.)
Und er bewegt sich nicht
… obwohl sich (beim üblichen natürlichen Regenbogen) die Regentropfen, die das weiße Licht in seine Spektralfarben aufspreizen, ständig bewegen. Jeder Wassertropfen ist nur so lange an der Erzeugung des Regenbogens beteiligt, wie er sich in dem Bereich bewegt, wo wir den Regenbogen sehen. Weder sind die Regentropfen farbig, noch könnten wir irgendeine bestimmte Menge an Regentropfen für den Regenbogen verantwortlich machen – außer alle Tropfen, die in dem Beobachtungszeitraum den Bereich durchquert haben, in dem wir den Regenbogen wahrgenommen haben.
Anders herum betrachtet ist jeder Tropfen, der zum Bild des Regenbogens beiträgt nur für einen Moment Teil des Regenbogens. Und wenn auch ein einzelner Tropfen verzichtbar wäre: je weniger Tropfen, desto blasser der Bogen – bis kein Regenbogen mehr zu sehen ist.
Eine Brücke in eine andere Welt
Wenn mensch diese Dinge verstanden hat, und verstanden hat, dass all das zusammen den Regenbogen ausmacht, steht mensch in der Tat an der Schwelle zu einer anderen Welt: eine Welt, die multikausal, dynamisch, facettenreich, vielfarbig und unendlich spannend ist.
Und in der kein einziges Wesen allein verantwortlich ist für das, was geschieht, sondern sich alles in einem komplexen Zusammenspiel aus Gesetzmäßigkeiten und dem Verhalten diverser TeilnehmerInnen und Objekte entwickelt.